Der Bezirk Hamburg deckt mehr als den Stadtstaat ab. Die 20 Orts-Gruppen sowie 11 Sektions-Koordinationsgruppen sind zwischen Geesthacht,  Lüneburg, Buchholz, Elmshorn und Norderstedt aktiv. Hinzu kommen noch 1 Bezirkskoordinationsgruppe und sieben Jugendgruppen.

Etwa 2000 Menschen engagieren sich hier als Gruppen- beziehungsweise Einzelmitglieder aktiv für die Menschenrechte oder fördern mit regelmäßigen Spenden die Arbeit des Hamburger Bezirks und der Gruppen von Amnesty.

Jede Gruppe wird sich freuen, wenn SIE sich entscheiden, auch bei Amnesty tätig zu werden.

Der Bezirk Hamburg wird vom BezirkssprecherInnenteam vertreten. Dem SprecherInnenteam gehören an: Sarah Rödiger, Henriette Bunde und Maureen Macoun. Der Hamburger Bezirk unterhält sein Büro im Eilbeker Weg 214.

Die Anfänge von Amnesty International  in Hamburg

Es war das 1. Mal, dass ich im Herbst 1965 als Vikar im berühmten großen Kaminkreis von Pastor Körber in St. Johannis, Hamburg-Eppendorf die Bibelstunde halten durfte. Ich hatte mich also eifrig vorbereitet und sogar einen guten Zweck für die übliche Kollekte herausgesucht. Zum Abendbrot kurz vor dem Aufbruch zur großen Tat hörte ich wie immer das „Echo des Tages“ im NWDR – da kam ein Beitrag von Dr. Wandschneider: Er berichtete von einer neuen Menschenrechtsbewegung. Sie war angeregt worden von dem englischen Rechtsanwalt Peter Benenson.

Der hatte 1961 in Portugal von zwei Studenten erfahren, die in einem Lissabonner Cafe auf die Freiheit angestoßen hatten, verhaftet und zu sieben Jahren Haft verurteilt worden waren. Dies hatte ihn so empört, dass er in der Londoner Zeitung „The Observer“ einen Artikel darüber schrieb mit dem Titel „The forgotten prisoners“. Der hatte eine solche Wirkung, dass sich viele zusammentaten, um solchen Gewissensgefangenen eine Stimme zu verleihen und für ihre Amnestie einzutreten. amnesty international war geboren. Davon hatten auch deutsche Journalisten gehört und durch Anregung von Gerd Ruge 1962 eine deutsche Sektion in Köln gegründet, zu der auch Dr. Wandschneider gestoßen war und nun davon berichtete.

Dieser Beitrag hatte großen Eindruck auf mich gemacht, so dass ich beschloss, die Kollekte des Abends dafür zu erbitten, wollte aber erst noch einmal Genaueres darüber hören. So steckte ich die 50 Mark ein und besuchte Dr. Wandschneider in seinem Büro. Seine klaren und freundlichen Ausführungen überzeugten mich, ich übergab ihm die Kollekte und wollte mich verabschieden, da fragte er mich, ob ich nicht mithelfen wolle, amnesty hier in Hamburg aufzubauen.

Schwieriger Start

Das habe ich dann getan, habe Plakatständer bei der SPD ausgeliehen, Plakate gemalt und zu Informationsveranstaltungen ins Audimax eingeladen. Aber der Erfolg blieb sehr mäßig. Wenige Interessierte hinterließen ihre Adresse oder eine kleine Spende. Nach einigen Monaten meldete sich Dirk Börner und wollte gleich kräftig loslegen. Das passte insofern gut, als ich nun etwa 15 Namen zusammen hatte und so trafen wir uns das erste Mal. Aus diesem Treffen und den Aktionen, die auch von Frau Wandschneider ausgegangen waren, entwickelte sich die Arbeit für amnesty in Hamburg.

Erste Aktionen

Eine erste viel versprechende Aktion ergab sich aus der Anregung von Rosemarie Bollinger, die mich um ein Treffen mit einem Freund bat. Wir trafen uns dann mit dem Journalisten Freimut Duve. Der schlug vor, monatlich eine Rubrik in verschiedenen Zeitungen einzurichten, in der jeweils drei „Gefangene des Monats“ vorgestellt werden sollten und Adressen, an die man sich als Leser wenden könne, um für sie einzutreten. Diese Rubrik gab es dann jahrelang in vielen Zeitungen, u.a. in der Frankfurter Rundschau.

„Gefangener des Monats“

An der 1. internationalen Tagung von amnesty 1966 in Kopenhagen nahm ich mit dem Ehepaar Wandschneider, Hillary Cartwright, M. Biermann, Carola Stern u.a. teil. Im Vorstand ging es besonders um Martin Ennels und die Frage, ob er als früherer Mitarbeiter im Geheimdienst Englands Generalsekretär von amnesty bleiben könne – er ist es geblieben. Im Plenum hielt Peter Benenson einen Vortrag über die Menschenrechtslage in verschiedenen Ländern (die ihm die Tränen in die Augen trieb). Aus vielen Vorschlägen wurde als Symbol von amnesty die mit Stacheldraht umwickelte Kerze festgelegt und die Frage entschieden, welche Gewissens-Gefangenen adoptiert werden sollten, vor allem in Bezug auf die Gewaltfrage.

Grundsatz Gewaltfrage

Schnell war klar, dass solche, die Gewalt gegen Menschen angewandt hatten, nicht betreut werden könnten. Ich war dafür, auch solche zu adoptieren, die Gewalt gegen Sachen angewandt hatten, um auf Menschenrechtsverletzungen aufmerksam zu machen, sah aber das Argument ein, das dies von Gewalt gegen Menschen nicht immer zu trennen ist und wir uns auf eine Gruppe beschränken müssten. Diese Frage ist immer wieder aufgebrochen und hat zu großen Auseinandersetzungen geführt. In den 70er Jahren wurde sie dann dahin beantwortet, dass bei Folteropfern alle in die Betreuung aufgenommen wurden. In den 60er Jahren lief die Arbeit nur sehr mühsam an, das lag wohl auch daran, dass die gesellschaftlichen Verhältnisse vor 1968 ganz andere waren: amnesty galt im besten Falle als Gesellschaft von merkwürdigen Weltverbesserern. Und da das dreier Prinzip galt, nach der jede Arbeitsgruppe je einen Gefangenen aus der Dritten Welt, dem östliche und dem westlichen Lager zur Bearbeitung zugewiesen bekam, kam auch der Westen ins Visier und die Verfehlungen gegen die Menschenrechte, die hier geschahen. Das führte schnell zum Vorwurf, hier wären kommunistische Umtriebe am Werke. Das änderte sich erst um 1970, als z.B. Siegfried Lenz einen Buchpreis für amnesty stiftete und die Frau von Bundespräsident Heinemann jede Gelegenheit wahrnahm, für amnesty einzutreten.

Zwischen Argwohn und Anerkennung

Diese steigende Anerkennung brachte das lange vermisste Interesse vieler, die mitarbeiten wollten – aber auch eine Steigerung der anfallenden Arbeit: Gruppen wurden überall gebildet, denen je drei Gefangene zugewiesen werden mussten. Die entsprechenden Informationen mussten eingeholt und Hilfen erteilt, Länderinformationen und –adressen besorgt und die Korrespondenz mit London erledigt werden – und all da ehrenamtlich! Bei Frau Wandschneider in der Wohnung liefen alle Fäden (und bergeweise Unterlagen) zusammen – bis Dirk Börner, der sich immer mehr engagierte, 1970 vorschlug, einen hauptamtlichen Geschäftsführer einzusetzen. Dafür empfahl sich natürlich Frau Wandschneider, die bestens eingearbeitet war. Zivis wurden Mitarbeiter, Bezirksgruppen gebildet, Ländervertreter berufen, die Finanzverwaltung geordnet – alles wuchs der Wohnung in der Cranachstraße über den Kopf, so dass 1972 eigene Räume in einer Wohnung in der Beselerstraße angemietet wurden und das Büro dorthin zog. Bis 1976 ist es dort geblieben, dann zog das Büro der deutschen Sektion nach Bonn.

Mit klopfendem Hernzen

Ich musste leider wegen vielfältiger Arbeit in meinem eben angetretenen Beruf als Pastor in einem Neubaugebiet in Wilhelmsburg frühzeitig aus der Mitarbeit aussteigen, habe aber amnesty auch in seinen schweren, sehr politisierten Zeiten und bis zum Eintritt meines späteren Kollegen und Gemeindenachbarn in Norderstedt Helmut Frenz als Generalsekretär der deutschen Sektion mit Gedanken und oft klopfendem Herzen begleitet.

Hamburg. 19. November 2005, Christian Matthes